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„Kluge Vermarktungskonzepte gefragt“ – Arndt Scheffler und Geschäftsführer anderer Player am deutschen Ticketing-Markt über Trends und Herausforderungen in 2016

Die Player im deutschen Ticketing-Markt sind mit der Entwicklung ihres Geschäfts zufrieden, sehen sich aber stets mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Zu den prägenden Themen im Jahr 2016 zählen die wachsende Bedeutung von Self-Service-Ticketing, die immer größere Verbreitung von mobilen Endgeräten, die Analyse von Nutzerdaten und der Einfluss von Social Media als Kommunikations- und Verkaufsplattform.

Gerade erst hat der Ticketing-Marktführer im deutschsprachigen Raum, CTS Eventim, seine Jahreszahlen für 2015 vorgelegt — mit zweistelligen Zuwachsraten bei Umsatz und EBITDA. „Unser Geschäftsmodell ist intakt und hat großes Potenzial“, sagt Rainer Appel, Senior Vice President Legal & Business Development. Das Ticketing für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro sieht Appel als ersten wichtigen Schritt auf den südamerikanischen Markt, auch in Skandinavien hat CTS Eventim seine Präsenz unlängst verstärkt. Auch Klaus Zemke, Geschäftsführer von Ticketmaster Deutschland, bilanziert eine „starke Entwicklung unserer Marktposition“. Nach wie vor kooperiert Ticketmaster hierzulande mit der Deutschen Entertainment AG (DEAG), die allerdings ihre Anteile an der deutschen Ticketmaster-Niederlassung im November 2014 verkauft hat. Zeitgleich hatte die DEAG ihr eigenes Portal myticket an den Start gebracht, das als rein digitaler Ticketvermarkter positioniert ist. „Unsere hochgesteckten Ziele konnten bereits im ersten Jahr übertroffen werden“, sagt COO Kai Ricke über die Entwicklung von myticket, bei dem neben der DEAG auch Axel Springer/Bild und Starwatch Entertainment als Gesellschafter fungieren. Die ProSiebenSat.1-Tochter Starwatch ist seit zwei Jahren zudem mit ihrem eigenen Portal Tickethall am Start. „Unsere Strategie, ausschließlich auf exklusive Kooperationen zu setzen und dafür den Veranstaltern im Gegenzug ein zielgruppengerechtes und reichweitenstarkes Werbepaket aus TV Spots, Suchmaschinenmarketing, Newsletter- und Social-Media-Kampagnen anzubieten, ist voll und ganz aufgegangen“, sagt die Starwatch-Geschäftsführerin Katharina Frömsdorf. Sowohl Tickethall als auch myticket gehören zu den Unternehmen, die die Technologie des Hamburger Unternehmens white label eCommerce nutzen. „Sehr zufrieden“ mit der Entwicklung von white label zeigt sich dessen Geschäftsführer Arndt Scheffler, der den Self-Service-Ticketing-Spezialisten 2012 gegründet hat. „Nach anfänglicher Zurückhaltung einiger Wunschkunden haben wir uns hervorragend entwickelt und wachsen prozentual im hohen zweistelligen Bereich jährlich.“ Auch der größte Konkurrent der Starwatch-Mutter ProSiebenSat.1 ist im privaten Fernsehen im Ticketing-Markt vertreten: RTL ist mit RTL Tickets zwar seit 2011 auf dem Markt, drei Jahre später startete der Sender eine Zusammenarbeit mit CTS Eventim. „Vielfältige Synergien zu den Programmen unserer Sender und unseren Online-Angeboten“, sieht darin Annette Kunze, Bereichsleiterin Licensing bei RTL Interactive. „So ist es unseren Zuschauern und Usern möglich, zu fast jedem Künstler, der zum Beispiel bei ,Sing meinen Song‘ dabei ist, jedem RTL-Comedian oder jedem Boxkampf direkt bei uns Tickets zu erwerben.“

Kontrolle über Preise, Kontingente und Daten behalten

Unterdessen entsteht durch den Zusammenschluss von Reservix und AD ticket ein weiterer großer Player im deutschen Markt. Im vergangenen Juli hatten die Unternehmen die Gründung der gemeinsamen Reservix Holding bekanntgegeben. Bis zum 1. Juli 2016 soll die Fusion abgeschlossen sein. Der niederländische Ticketing-Dienstleister Ticketscript hat sich mittlerweile ebenfalls hierzulande etabliert. „Mit einem sehr starken Wachstum 2015 und nach über sieben Jahren am deutschen Markt sehen wir uns noch immer darin bestätigt, dass unser Angebot und unsere neu entwickelten Technologien genau auf die neuen Trends und den Markt zugeschnitten sind“, sagt Tom Lienhart, Country Director Ticketscript Germany/Austria. „Die Bandbreite kennt keine Grenzen für ein Tool, das jedem individuell erlaubt, seinen Ticketverkauf selbst in die Hand zu nehmen“, sagt Lienhart. Mit Eventbrite hat auch ein US-Unternehmen in Deutschland Fuß gefasst, das weltweit als größter Anbieter für Self-Service-Ticketing gilt. Seit Januar 2015 ist das deutsche Team in Berlin ansässig. „Sehr zufrieden“ mit der Entwicklung zeigt sich Marketing Manager Germany, Sandro Spieß. „Wir wollen 2016 natürlich unseren Bekanntheitsgrad hierzulande noch weiter steigern.“ Unter anderem arbeite Eventbrite bereits mit EDM-Festivals wie „Big City Beats World Club Dome“, „Ikarus Festival“ und „Isle Of Summer“ zusammen.
Self-Service-Ticketing sehen viele Unternehmen als wichtigen Trend im deutschen und internationalen Markt. „Veranstalter sind nicht mehr gezwungen, ihr Ticketing an Drittanbieter herauszugeben, sondern verschaffen sich enorme Wettbewerbsvorteile, indem sie selbst die Kontrolle über ihre Preise, Kontingente und Daten behalten“, kommentiert Tom Lienhart von Ticketscript. „Hier wird es interessant zu beobachten sein, ob sich das teilweise doch recht traditionelle Veranstalter-Klientel dafür öffnet, den neuen Technologien eine Chance zu geben“, sagt Katharina Frömsdorf von Starwatch Entertainment. Der deutsche Marktführer CTS Eventim habe in Eventim Light unlängst ein Browser-basiertes Self-Service-Tool für kleinere Veranstaltungen auf den Markt gebracht, berichtet Rainer Appel. Aus seiner Sicht zeichnet sich insgesamt eine immer stärkere Hinwendung zum Online-Ticketverkauf, vor allem über mobile Endgeräte, ab. Hierauf habe CTS Eventim mit seinen Apps reagiert. „Ein gutes Beispiel sind unsere 360-Grad-Saalpläne, die für eine zunehmende Anzahl von Locations zur Verfügung stehen“, sagt Appel, „der Fan kann sogar von unterwegs die Sicht auf die Bühne prüfen, den gewünschten Platz auswählen und das Ticket über eine sichere Bezahlfunktion erwerben.“ Auch bei Eventbrite genießt das Thema Mobile höchste Priorität. „Es geht hierbei ebenso darum, Veranstaltern die Möglichkeit zu bieten, über mobile Endgeräte ihr Event zu managen, wie auch den Ticket-Käufern einen kurzen, knackigen Kaufvorgang auf einer entsprechend optimierten Website zu ermöglichen“, sagt Sandro Spieß. Kai Ricke von myticket verweist auf die hohe Mobile-Affinität der heute 25- bis 35-Jährigen. „Für die Digital Natives, welche von klein auf mit der neuen Technik des digitalen Zeitalters aufgewachsen sind, ist die Digitalisierung unserer Welt ein integraler Bestandteil ihres Lebens.“ Diese, so Arndt Scheffler, sei die erste Generation von Nutzern, bei der „bei über 80 Prozent das Smartphone niemals von der Seite weicht, auch nicht nachts“. Kamera, Messenger-Dienste und soziale Netzwerke seien die meistgenutzten Apps, führt der white-label-Geschäftsführer aus. Fragen, mit denen man beim Ticketing für Live Entertainment mittlerweile konfrontiert werde, seien zum Beispiel, ob ein Werbe- oder Musikvideo im Querformat produziert werden solle, wie man stabiles W-Lan in Spielstätten bekomme und wie der Ticketshop in die „Shares“ der User von Facebook und Co. integriert werden könne. Sandro Spieß verweist zum Thema Social Media auf eine aktuelle Befragung, die Eventbrite unter mehr als 1000 Veranstaltungsbesuchern durchgeführt habe. „Unsere Studie zeigt auf, dass für Besucher unter 30 Jahren Facebook ein unheimlich wichtiger Kanal ist — zum einen, um Veranstaltungen zu entdecken, und zum anderen, um den Freundeskreis darüber zu informieren.“ Auch aus Sicht von Rainer Appel von CTS Eventim spielen Soziale Medien „für den Ticketvertrieb eine immer größere Rolle“. Sein Unternehmen ist unter anderem mit eigenen Facebook-Seiten, einem eigenen Blog und Kanälen auf Twitter uns Instagram präsent. Mit der „Promotion Toolbox“ ermögliche es Eventim zudem „Veranstaltern, Künstlern und Venues den Ticket-verkauf binnen Minuten in ihre Facebook-Seiten einzubinden“. Arndt Scheffler von white label eCommerce verweist darauf, dass die führenden sozialen Netzwerke mittlerweile die Möglichkeit böten, „Buy-Buttons“ zum Vertrieb eigener Produkte in Profile zu integrieren. „Binde ich zum Beispiel auf Facebook den Buy-Button auf meiner Fan-Page ein, dann werde ich per Tool-Tipp gefragt, ob ich nicht auch möchte, dass 6000 weitere Fans meine Seite und damit den Button entdecken“, führt Scheffler aus. „Die Antwort ist denkbar einfach: ja.“

Käufer- und Nutzerdaten auswerten ist die Ticketing-Königsdisziplin

Neue Perspektiven wird die mobile Online-Welt auch für die Bezahlungsabwicklung bieten. Davon zeigt sich unter anderem Tom Lienhart von Ticketscript überzeugt: „Im Bereich e-Payment werden digitale Wallets, mobiler Handel, bargeldloses und kontaktloses Bezahlen in Deutschland schon bald nicht mehr die Ausnahme, sondern der Standard sein.“ Für Eventbrite, das sich durch die Übernahme des kanadischen Anbieters Scintilla Technologies in dieser Hinsicht positioniert hat, steht unter anderem Radio-Frequency Identification (RFID) im Fokus. „Es geht beim Einsatz der entsprechenden Armbänder nicht nur darum, bargeldloses Zahlen zu ermöglichen, sondern zum Beispiel auch um die Analyse von Besucherströmen, um den Einlass besser zu managen“, erläutert Sandro Spieß. Nicht zuletzt haben die Ticketing-Anbieter und -Dienstleister auch die Analyse von Nutzerdaten im Blick. „Die gezielte Vermarktung anhand von Informationen aus Käufer- und Nutzerdaten wird die Königsdisziplin im Ticketing werden, wie überall im e-Commerce“, sagt Katharina Frömsdorf. Die Geschäftsführerin von Starwatch Entertainment verfolgt zudem das Thema Dynamic Pricing mit großem Interesse. „Im Online-Retail, in der Hotelbranche oder bei Flugbuchungen ist das bereits gang und gäbe“, erklärt Frömsdorf. „Auch in Deutschland hat Dynamic Pricing Potenzial, vor allem für das Liga-Geschäft, aber auch für Shows und Musicals sowie für Konzert-Touren.“ Mit seinen „Platin-Tickets“ hat Ticketmaster hierzulande bereits ein dynamisches Preismodell im Premium-Bereich eingeführt. Insgesamt betrachte man die „Einführung breiterer Preiskategorien bei Veranstaltungen“ als einen der Schwerpunkte für dieses Jahr, kommentiert Klaus Zemke. Kai Ricke von myticket sieht insgesamt viele Vorteile durch die Nutzung der neuen, digitalen Technologien im Ticketvertrieb: „Die Kommunikation zielgruppenspezifischer Angebote kann einfach und unkompliziert direkt an den Kunden erfolgen, der wiederum die sofortige Möglichkeit zum Kauf hat. Und darauf kommt es heute an: Kaufprozesse mobil, übersichtlich, sicher und unkompliziert zu gestalten.“ Zemke mahnt allerdings zu Behutsamkeit. „Eine der wichtigen Herausforderungen wird darin bestehen, eine Balance zu finden zwischen der unglaublich starken Marktentwicklung hin zu einem rein digitalen Geschäft und dem andererseits eher traditionellem Kaufverhalten eines Teils der Bevölkerung“, gibt der Ticketmaster-Deutschland-Geschäftsführer zu bedenken. „Aus meiner Sicht liegt die größte Herausforderung darin, bei allem technisch Machbaren den Faktor Mensch nicht aus den Augen zu verlieren“, erklärt dazu Arndt Scheffler von white label eCommerce. „Wir müssen die vielen Daten und tollen Werkzeuge nutzen, um kluge Vermarktungskonzepte für die jeweilige Zielgruppe zu realisieren. Nicht jedes Konzept passt zum betreffenden Event, es kommt auf den richtigen Mix an.“


Weblink

Musikmarkt GmbH & Co. KG, Autor: Laumann, Jörg (2016): Kluge Vermarktungskonzepte gefragt, verfügbar unter: Musikmarkt

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